Montag, 23 Januar 2012
von Marcela Turati

Verschwundene – eine Epidemie

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Frauen vor der Leichenhalle von Taxco suchen nach ihrem verschwundenen Sohn Frauen vor der Leichenhalle von Taxco suchen nach ihrem verschwundenen Sohn Fotos: Marcela Turati
Marcela Turati, stolze Gewinnerin des Deutschen Journalistenpreises, erzählt vom Leiden Familienangehöriger von Verschwundenen.

CHIHUAHUA, MEXIKO- Im Saal schreiben die Frauen mit, was sie über Georadare hören; eine Technik, mit deren Hilfe unter der Erde befindliche menschliche Überreste entdeckt werden können.

Und dann notieren Sie, was sie über Erbgutanalyse erfahren, über das verfassungsmäßig verbriefte Recht, bei Kriminalfällen Nebenkläger sein zu können, über die Funktionsweise des interamerikanischen Menschengerichtshofs und die der Vereinten Nationen.

Eine alte Frau fragt: „Wenn sie mir einen Sack voller Knochen geben und mir sagen, dass es mein Sohn ist, was

Organisation "Vereinte Kräfte für die Verschwundenen von
Coahuila": die Mitglieder treffen sich, um gemeinsam ihr Recht
einzufordern, nach ihren verschwundenen Familienangehörigen
zu suchen
kann ich dann tun, um zu wissen, ob es stimmt?“ Die anderen schreiben die Antwort mit. Denn solche Informationen können lebenswichtig sein: sie können den Ehemann wiederbringen, oder den Bruder, die Tochter oder den Vater, die alle verschwunden sind (oder besser gesagt: verschwunden wurden).

Diese Frauen waren alle schon in Leichenhallen, haben in Krankenhäusern gefragt und in Gefängnissen, sie haben auf leer stehenden Grundstücken gesucht, haben tauben Bürokratenohren gepredigt, haben nutzlose Anzeigen in noch nutzloseren Staatsanwaltschaften aufgegeben und sind zu kürzlich entdeckten Massengräbern gepilgert …

Dabei haben sie zwar ihre eigenen Verschwundenen nicht gefunden, dafür aberviele Familien, die das gleiche Schicksal erleiden und mit denen sie vor einem halben Jahr das Netzwerk der Menschenrechtsverteidiger und Familienangehörigen von Verschwundenen gegründet haben.

Dieses Treffen in Chihuahua ist das dritte seiner Art. „Drei Jahre ist es nun her. Wenn die Staatsanwaltschaft immer noch nicht angefangen hat, meinen Sohn zu suchen, kann ich ihn dann noch finden?“, fragt eine Teilnehmerin Norma Ledezma. Frau Ledezma, ehemals Arbeiterin in Ciudad Juarez, ist seit sieben Jahren selbst Mutter einer Verschwundenen, und hat sich in dieser Zeit in eine Expertin verwandelt. Eine Expertin darin, gegen Türen zu treten, die den Bürgern eigentlich offen stehen sollten; sie hat den verrotteten Justizapparat dazu gebracht, das Mädchen zu suchen. Mit Erfolg, denn schließlich wurde sie gefunden und ihre Mutter konnte sie zumindest beerdigen.

„Sie sind dazu verpflichtet, zu suchen“, antwortet Ledezma der fragenden Mutter.

„Der Staatsanwalt hat zu mir gesagt: ‘Ihren Sohn hat die Erde verschluckt’”, erzählt eine grauhaarige Frau. Ledezma antwortet ärgerlich: „Wir dürfen nicht zulassen, dass sie sich so über uns lustig machen, dass sie nichts untersuchen und dass sie alle Nase lang an eine andere Stelle versetzt werden; wir müssen sie zwingen, ihre Arbeit zu machen!”

Ledezma spricht vor 60 Frauen und einer Handvoll von Männern aus mehreren mexikanischen Bundesstaaten. Hier ist eine Frau aus Ciudad Juarez zu sehen, mit einem Foto ihrer Tochter, die sich in den Netzen der Menschenhändler verfangen hat.

Dort zwei Bäuerinnen aus Guanajuato, die Essen verkaufen, seit ihre Männer und weitere sechs Tagelöhner auf

Frau vor einer Leichenhalle sucht nach ihrem
verschwundenen Familienangehörigen
dem Weg in die USA spurlos verschwanden. Mütter von Büroangestellten, die in Coahuila oder Nuevo Leon entführt wurden, eine Frau aus Monterrey, der auf einen Schlag zwei Söhne und der Ehemann verschwanden, allesamt Verkehrspolizisten. „Es ist jetzt zwei Jahre und zwei Monate her, ich kann nicht glauben, dass die drei noch leben“, sagt Gloria Aguilera, die gegen ihre Tränen ankämpft, um das Interview geben zu können.

„Wenn mir diejenigen gegenüber stünden, die sie mir weggenommen haben, dann würde ich ihnen Folgendes sagen: ‘Sag mir bloß, wo meine Kinder sind, ich will gar nicht wissen, warum und was Du ihnen getan hast, ich will nur wissen, wo Du sie gelassen hast’. Denn dann wäre ich diese Unsicherheit los.”

Alle Teilnehmer teilen sich den gleichen Schmerz, es ist eine Wunde, die sie nicht ruhen lässt. Gleich nach dem Aufwachen kreisen ihre Gedanken darum, wie sie die geliebten Menschen wiederfinden können. Einige Mütter beten zu Gott, damit er ihnen wenigstens mitteilt, wo die Reste ihrer Kinder begraben liegen, wo sie sie beweinen und ihnen Blumen hinstellen können. Damit die Folter der Unsicherheit ein Ende hat.

Text: Marcela Turati

Übersetzung: Peter Stegemann

Aktualisiert: Dienstag, den 19. März 2013 um 05:22 Uhr

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